SAP QM und SQM360:
Rückverfolgbarkeit im industriellen Kontext praxisnah umgesetzt

Rückverfolgbarkeit ist weit mehr als ein Werkzeug zur Qualitätssicherung – sie ist Voraussetzung für rechtssichere Nachweise, effiziente Fehleridentifikation und normkonforme Prozesse. SAP QM stellt hierfür die zentrale Plattform bereit, insbesondere durch strukturierte Prüflose, Merkmalsverwaltung und dokumentierte Verwendungsentscheide. Doch für die wirklich konsequente Rückverfolgung von Seriennummern, Chargen, Prüfmitteln, Fertigungshilfen oder Maschineneinflüssen reicht der SAP-Standard nicht aus. Subsysteme wie SQM360 erweitern die SAP-Welt dort, wo Automatisierung, Messdatenintegration und kontextbezogene Datenerfassung erforderlich sind.


Rückverfolgbarkeit im SAP-System

sqm-produktion

Wo sowohl gesetzliche Anforderungen als auch industrielle Standards erfüllt werden müssen, ist Rückverfolgbarkeit ein Eckpfeiler der Qualitätssicherung. Insbesondere in regulierten Branchen. In diesem Zusammenhang bietet das Qualitätsmanagement-Modul von SAP (SAP QM) bereits eine robuste Plattform, um die Rückverfolgbarkeit von Produkten über die Wertschöpfung und den gesamten Lebenszyklus hinweg sicherzustellen. Eine zentrales Element hierbei ist der Materialstamm. Er fungiert sowohl als Datenspeicher für Materialien, als auch als referenzielles Zentrum zur Verwaltung von Seriennummern und Chargen. Diese Daten ermöglichen es Unternehmen, den Weg eines Produkts von der Produktion bis zur Auslieferung lückenlos zu verfolgen.

Im Shopfloor stehen weitere Daten z. B. aus der MES-Suite zur Verfügung – aber dort wo es auf die Aufnahme von Qualitätsdaten in der Fertigung ankommt, wird es knifflig. SAP QM spielt seine Stärken in der Anlage von Prüfplänen, der Erzeugung und Verwaltung von Prüflosen sowie in der strukturierten Auswertung aus. Prüfmerkmale werden mit Toleranzgrenzen hinterlegt, Ergebnisse lassen sich je Merkmal dokumentieren. Serien- und Chargennummern werden über die Module MM und PP berücksichtigt und im Prüflos referenziert. Der Materialstamm stellt dabei das zentrale Objekt zur Abbildung produktspezifischer Rückverfolgbarkeitsmerkmale dar.

In der Praxis bedeutet das: Sobald ein Wareneingang, ein Fertigungsauftrag oder ein Warenausgang angestoßen wird, kann ein Prüflos entstehen. Dieses Prüflos enthält die Qualitätsmerkmale und erlaubt die Eingabe oder Erfassung von Prüfwerten – manuell, über Schnittstellen oder durch Subsysteme. Die Rückverfolgbarkeit reicht auf diesem Weg bis zur Serien- oder Chargennummer und wird im SAP-System archiviert.

Begrenzt ist SAP QM jedoch bei der automatisierten Datenerfassung: Eine native Anbindung von Messmitteln ist beispielsweise mit Bordmitteln nicht einfach realisierbar. Ebenso fehlt eine standardisierte Möglichkeit, den Einsatz einzelner Prüfmittel oder Hilfsmittel je Messwert zu dokumentieren.


Erweiterung durch SQM360

Vorteile-Messmittel Integration in SAP

Trotz dieser fortschrittlichen Struktur stößt der SAP-Standard also an seine Grenzen, insbesondere wenn es um die Messmittelanbindung und die automatisierte Messwertaufnahme geht. Dies ist besonders relevant in Zeiten der Digitalisierung und des Industrial Internet of Things (IIoT), wo Echtzeit-Daten und deren konsistente Erfassung von enormer Bedeutung sind. Zwar bietet SAP Werkzeuge für die Qualitätsüberwachung, doch die direkte Anbindung von Prüfmitteln bleibt komplex und in vielerlei Hinsicht unzureichend.

An diesem Punkt setzt SQM360 an. Das Subsystem ermöglicht die Integration digitaler Messmittel, etwa über Bluetooth-Dongles, Interfaceboxen oder Dateischnittstellen. Der gesamte Erfassungsprozess – vom Prüfstart bis zur automatischen Ergebnisrückmeldung – wird durch das Subsystem gesteuert. Dabei werden bei Bedarf neben dem Messwert auch Zusatzinformationen wie Messmittel-ID, Maschinenkennung, Nest oder Teillosnummer mitgeführt.

Ein konkretes Beispiel: Während SAP QM das Prüfmerkmal und die zugehörige Charge bereitstellt, übernimmt der Werker in SQM360 die Erfassung über ein angebundenes Handmessgerät. Die erfassten Werte werden anschließend inklusive aller relevanten Kontexteigenschaften zurück an SAP übergeben – strukturiert und auditsicher.

Diese Architektur erlaubt eine präzise Rückverfolgbarkeit: Jede Einzelmessung kann einem definierten Gerät, einem Prüfplatz, einer konkreten Charge und einer spezifischen Produktionsbedingung zugeordnet werden. Das reduziert Unsicherheiten, ermöglicht Ursachenanalysen und verbessert die Auditfähigkeit deutlich.

Wer macht was? – Prozessverantwortung SAP vs. Subsystem

Prozessschritt SAP QM SQM360 Subsystem
Prüfplanung 🔄
Automatisierte Anlage aus Zeichnungen oder Messmaschinendateien
Prüfloserzeugung
Serien-/Chargenerfassung 🔄
(Stammdaten & Buchung)
🔄
(Übernahme zur Zuordnung von Prüfwerten)
Messwertaufnahme
(nur manuell)

(Strukturierter Workflow, Prüfanweisungen, automatischer Import)
Prüfmittelintegration Eingeschränkt (als Equipment)
(IIoT, QR-Code, Interfacebox, Bluetooth, Netzlaufwerk, MQTT etc.)
Statistische Echtzeit-Auswertung
(SPC, Trends, Cpk, Eingriffsgrenzen)
Verwendungsentscheidung
(in SAP-Modulen)

(basierend auf Messdaten)
Audit-Trail / FDA 21 CFR Part 11 🔄
(optional mit Erweiterung)

 


Prüfmittel und Hilfsmittel: Rückverfolgbarkeit ausgebaut

Prüfmittel und Fertigungshilfsmittel werden im SAP-Umfeld häufig als Equipmentobjekte oder Fertigungshilfsmittel geführt. Ihre Kalibrierung und Wartung kann über SAP PM erfolgen. Was jedoch fehlt, ist die konsequente Verknüpfung mit realen Einsatzsituationen. In der Realität wird selten dokumentiert, welches Prüfmittel für welche Prüfung tatsächlich verwendet wurde.

SQM360 schließt diese Lücke, indem bei jeder Messung das eingesetzte Messmittel eindeutig identifiziert wird – entweder durch automatische Erkennung oder durch Scanprozesse. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass das Gerät kalibriert und freigegeben ist. Fertigungshilfsmittel wie Lehren oder Spannvorrichtungen lassen sich ebenfalls dokumentieren, z. B. durch Auswahl in der Oberfläche oder automatisierte Erfassung über QR-Codes.

Im Ergebnis entsteht ein vollständiger Datensatz, der nicht nur den Messwert und das Prüfmerkmal enthält, sondern auch den technischen und personellen Kontext. Diese Daten lassen sich nutzen, um Schwachstellen systematisch zu analysieren, Wartungszyklen zu optimieren oder nachweispflichtige Prozesse zuverlässig abzusichern.


Integration und Architektur

Die Integration eines Subsystems in eine bestehende SAP-Landschaft erfordert ein strukturiertes Vorgehen. Typisch ist eine bidirektionale Verbindung, bei der SAP QM Prüflos und Prüfmerkmale bereitstellt, während SQM360 die Messdaten erfasst und zurückführt. Die Kommunikation erfolgt häufig über RFC oder IDocs. Stammdaten wie Materialien, Benutzer oder Messmittel können regelmäßig synchronisiert werden, um Konsistenz sicherzustellen.

Entscheidend für den Erfolg ist eine saubere Feldzuordnung zwischen SAP und dem Subsystem. So müssen etwa Seriennummern, Materialnummern und Messmittel-IDs eindeutig zuordenbar sein. Eine zentrale Prüfplanung in SAP bleibt sinnvoll – die operative Datenerfassung erfolgt jedoch flexibel am Shopfloor über SQM360.

Globale SAP-Funktionen & Auswertungsmöglichkeiten

SAP MM, PP, SD greifen tief in die Qualitätsprozesse ein:

  • MM (Materialwirtschaft): Charge wird beim Wareneingang erzeugt/vererbt. Die QM-Sicht erlaubt die Sperrung und Freigabe je Charge.
  • PP (Produktionsplanung): Prüflose in Fertigung, Rückverfolgung über Fertigungslos/Charge.
  • SD (Vertrieb): Zertifikate (COA) mit chargenbezogenen Prüfergebnissen beim Warenausgang.

Zudem: Batch Where-Used-List (BMBC) und Batch Record (SAP PI) ermöglichen lückenlose Rückverfolgbarkeit über komplette Lieferketten.

Die dokumentierte Verknüpfung von Messmittel, Hilfsmittel und Prüfergebnis ermöglicht:

  • Auditfähige Nachweise zur Prüfmittelverwendung je Prüflos/Charge
  • Statistische Auswertungen zur Prüfmittelbelastung und -qualität
  • Ursachenanalyse bei Abweichungen (z. B. Clusterbildung je Messmitteltyp)
  • Präventive Wartungsplanung / Instandhaltung durch Nutzungszähler

 


Normkonform und Auditsicher

Eine auditsichere und normkonforme Qualitätssicherung setzt voraus, dass sämtliche qualitätsrelevanten Daten vollständig, korrekt und unveränderbar dokumentiert sind. Normen wie ISO 9001, IATF 16949, EN 9100 oder ISO 13485 verlangen nachvollziehbare Prüfergebnisse, dokumentierte Prüfschritte, die Rückverfolgbarkeit von Prüfmitteln und die Einhaltung von Kalibrierzyklen. SQM360 unterstützt diese Anforderungen durch eine revisionssichere Erfassung aller Prüfdaten inklusive Zeitstempel, Nutzer, Geräte-ID und Statusinformation. Änderungen an Prüfplänen oder Messdaten werden protokolliert. Im Auditfall lassen sich alle Informationen eindeutig zuordnen, strukturiert auswerten und auf Anforderung reproduzieren.

Beispiel IATF-konformer Prüfplatz:

Ein IATF-konformer Prüfplatz basiert auf einer systematisch hinterlegten Prüfplanung, bei der Prüfmerkmale, Grenzwerte und Wiederholraten werksspezifisch über einen zentralen Nummernkreis gepflegt werden. Die Prüfplätze selbst sind in SAP als eigene Ressourceneinheiten oder Arbeitsplatzgruppen geführt, in denen qualitätskritische Merkmale automatisiert oder manuell geprüft werden. Über das Subsystem – beispielsweise SQM360 – wird sichergestellt, dass jede Einzelmessung einem spezifischen IATF-Prüfplatz zugeordnet ist. Diese Zuordnung enthält alle relevanten Metainformationen wie Werker, Maschine, Nest, Prüflosnummer und verwendetes Prüfmittel. Die Konformität zu IATF 16949 ergibt sich durch die klare Strukturierung der Messdatenerfassung, die Einhaltung der Prüfsequenz, die Validierung der Gerätefreigabe sowie die Möglichkeit zur lückenlosen Rückverfolgbarkeit auf Chargen- oder Seriennummernebene.


Weiterführende Links

Messmittelanbindung in SAP